Bücher

Hier ist eine Liste meiner gelesenen Bücher.

Die Liste enthält vom Stil her eher literarische Bücher aber auch Bücher, die ich für wichtig oder beachtenswert empfand. Ich gehe da vor allem nach dem Kriterien der Buchlänge und dem literarischen Anspruch vor.

Über Buchvorschläge und Diskussionen freue ich mich immer.

Pending:

~10% fertig – “Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin” (2010) von Timothy Snyder

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling – System des transzendentalen Idealismus

Georg Wilhelm Friedrich Hegel – Phänomenologie des Geistes

Immanuel Kant – Kritik der reinen Vernunft

Slavoj Žižek – Die Tücke des Subjekts

2014:

  • Dezember 2014:

  • November 2014:

  • Oktober 2014:

    • 73. Die Enzyklopädie der frühen Erde (Grapic Novel) von Isabel Greenberg (176 Seiten)

      • Hat mir nicht sonderlich gefallen.
  • September 2014:

    • 72. “Minima Moralia” von Theodor W. Adorno (344 Seiten)

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    • 71. “Gesammelte Werke” von Stefan Zweig (Eigentlich 829, aber neu für mich: 365 Seiten)

      • Darin las ich noch zusätzlich zu den bereits gelesenen, hier darunter in anderen Punkten aufgeführten Werken: Episode am Genfer See, Die Frau und die Landschaft, Fantastische Nacht, Brief einer Unbekannten, Die Mondscheingasse, Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau, Verwirrung der Gefühle, Die unsichtbare Sammlung, Die Leporella.
    • 70. “Angst” von Stefan Zweig (60 Seiten)

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    • 69. “Sternstunden der Menschheit” von Stefan Zweig (234 Seiten)

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    • 68. “Geschichte Palästinas” (2002) von Gudrun Krämer (440 Seiten)

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    • 67. “Jacques Lacan zur Einführung” (6. Auflage, von 2012) von Gerda Pagel (163 Seiten)

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    • 66. “Damn Good Advice” (2012) von George Lois (176 Seiten)

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    • 65. “Der Amokläufer” (1922) von Stefan Zweig (62 Seiten).

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    • 64. “Jugend” (1976) von Wolfgang Koeppen (146 Seiten)

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    • 63. “Kinder- und Hausmärchen” von Jacob und Wilhelm Grimm (748 Seiten)

      • Alle 210~ Märchen. Hier eine PDF Ausgabe nach letzter Hand. Ich las alle Märchen in Ersterscheinung der jeweiligen Ausgabe. Nach diesem PDF insg. 748 Seiten, ich denke mit meiner Version wird es annähernd vergleichbar sein.
      • Meine Gedanken zu “Grimms Märchen” schrieb ich hier auf.
  • August 2014:

    • 62. “Am Ende des Tages – Modephrasen im Stresstest“ (2014) von Burkhard Spinnen, 192 Seiten.

    • 61. “Tschik” (2010) von Wolfgang Herrndorf

      • Großartiges, süßes Buch. Hätte nicht gedacht, dass ein typischer, was keinesfalls schlecht ist, Adoleszenzroman derart sympathisch sein kann. Dazu gibt’s bei Herr Rau ein paar gute Zeilen bzgl. Tschik im Unterricht, es wird extrem witzig bei dem Post von Herrndorf selbst. 256 Seiten.
    • 60.  “Ausweitung der Kampfzone” (1994) von Michel Houellebecq

      • Houellebecq ist einfach genial. 169 Seiten.
    • 59. “Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!!” (2013) von Jón Gnarr

      • Ich las dieses kurzweilige, aber letztlich schlechte Buch in Island. Nichts ist unaushaltbarer als sich wiederholende identische Sätze, leider kommt das mehrfach vor. 175 Seiten.
    • 58. “Israel” (5., neubearbeitete Auflage 2013) von Ralf Balke

      • Das bisher beste Buch über Israel, das ich las. Unter den fünf bisherigen empfehle ich das am allermeisten zum besten Verständnis. 288 Seiten.
    • 57. “Maria Stuart” (1800) von Friedrich Schiller

    • 56. “Brennendes Geheimnis” (1911) von Stefan Zweig

      • Wer die Sprache Zweigs zu schätzen weiß, welche für den modernen Leser unweigerlich ungewohnt viele Sprachbilder in sich trägt, dem sei dieses Buch zu empfehlen. Das Thema dieses Buches muss ich auch unbedingt loben, der Versuch die Welten der Kinder mit der Welt der Erwachsenen gegenüber zu stellen ist ein vielleicht auch heute noch literarisch unterbearbeitetes Thema, denn dazu gehört ein enormer Mut, viel Introspektion und die mühlevolle Arbeit die Gefühle herauszufinden, welche im Erwachsenenalter wie Blitze in einem zucken können, aber ansonsten längst nicht mehr im aktiven Erinnerungsvermögen zu finden sind. Das gelingt Zweig hervorragend und auch wenn es nun sicherlich nicht mein erstes Buch ist, welches stark von der Wiener Psychoanalyse geprägt ist, so ist es hier glücklicherweise niemals aufdringlich. Nicht die Psychologie ist im Vordergrund, sondern die Literatur und ihre Motive, wie der Generationenkonflikt, etwas zeitlich viel breiteres und größeres, somit in der Tradition früherer Abhandlungen zwischen Kindheit und Erwachsenen.
    • 55. “Israel und Palästina” (22.09.2009) von Bernard Wasserstein

  • Juli 2014:

    • 54. “Der Nahost-Konflikt” (2011) von Kinan Jaeger & Rolf Tophoven

    • 53. “Israel – nah im Osten” (2013) von Itay Lotem & Judith Seitz

    • 52. “Accelerate – Manifesto for an Accelerationist Politics” (2010?) von Alex Williams and Nick Srnicek

    • 51. “Alice’s Adventures in Wonderland” (1865) von Lewis Carroll

    • 50. “Mein Leben” (Juli 1999) von Marcel Reich-Ranicki

    • 49. “Neu-Atlantis” (1624) von Francis Bacon

      • Ich möchte nicht weiter auf den Inhalt eingehen, sondern auf exakt das, was ich glaube zu diesem Buch einzigartig beizutragen, bspw. zur spannenden Literaturstruktur. Das Schiff mit den 51 Siedlern geht verloren, schafft es aber gerade noch an die Küste der Insel Bensalem, das ist der örtliche Rahmen. Obwohl, wie ein Vertreter sagt niemand auf die Insel darf (Bannformeln), löst sich diese Beschränkung sofort auf und die Siedler werden nach Diplomatie und Bekenntnis zum Christentum in ein großes Haus auf der Insel gebracht, in welchem sie 3 Tage bleiben müssen ohne es verlassen zu dürfen. Auch dieser Rahmen wird sofort erweitert auf 6 Wochen und zu soundsoviel Meter innerhalb/um die Stadt, ohne dass dies von langer Dauer bliebe. Es wird ihnen gesagt, dass es auch möglich ist nach Belieben länger zu bleiben, später sogar, dass es möglich ist ganz auf der Insel zu bleiben. Mit jedem dieser Rahmenabschnitte zeitlicher und örtlicher Natur wird auch der Wissensrahmen erweitert. Gegen Ende wird ein Abgesannter, derjenige der das Buch schreibt, der Ich-Erzähler, dann noch zu einer Privataudienz zum Oberguru der Akademie eingeladen und bekommt dann sehr viel Information. Ich kann mir vorstellen, dass dieses Rahmen- und Informationsspiel noch nicht näher literaturtheoretisch erforscht ist. Ferner finde ich den Vergleich der Emotionalität heute-Buch spannend, denn wie schon bspw. das Nibelungenlied hyperästhetisch und Versessen auf Freude, Spiel und Spaß ist, findet sich auch in Neu-Atlantis ungewohnt starke Emotionalität: “Damit verließ er uns, nicht ohne Tränen des Zartgefühls in seinen Augen.”
        Vergleichbar ist auch der Hang zum materialistischen Detaillismus: “Ebenso reich geschmückt waren auch die zwei Läufer zu beiden Seiten der Sänfte. Der Sessel war aus Zedernholz und mit Gold und Edelsteinen verziert; und zwar waren auf der Vorderseite Vierecke aus in Gold gefaßten Saphiren, auf der Hinterseite solche aus Smaragden von der Farbe der peruanischen.” – in diesem Stil geht es weiter.
        Ich kann mir vorstellen, dass für Bacon “Utopie” gleichbedeutend ist mit “Reich Gottes”, es ist eine Möglichkeit, da letzteres explizit an einer Stelle angesprochen wird durch einen Priester: “Es hat mein Herz seltsam bewegt, daß ihr am ersten nach dem Reich Gottes trachtet.”, trachten ist ein starkes Wort, aber dazu müsste ein*e Bacon-Kenner*in mehr sagen. Spannend ist die selbst für die Zeit krasse Rigidität und Frigidität in sexuellen Dingen. “Vielweiberei wird nicht geduldet.”, “Liebe zwischen Männern kennt man nicht einmal vom Hörensagen”, “[…] unter der Sonne wohl kaum ein so keusches, […] jungfräuliches Volk”, “keine Freudenhäuser”, “keine käuflichen Dirnen”.
        Hier ein unpassender Begriff der nur im Detail auffällt: “Darum sieht man bei euch so viele, die nicht heiraten sondern ein unanständiges, zügelloses Junggesellenleben dem ehrbaren Ehejoch vorziehen.” War das “Ehejoch” früher ein neutral bis positiver Begriff? Würde mich wundern, meint Bacon das ehrbare Ehejoch ernst?
        Sehr unterhaltsam ist folgende Referenz auf Morus’ Utopia: “Ich habe übrigens in einem eurer Bücher von einem erfundenen Staat gelesen.[…]”, welcher dann in einem Verbesserungsvorschlag mündet. Das ist ein spannendes, vielleicht frühes beispiel von kommunikativer Intertextualität, m.E.
        Weitsichtig ist der Science Fiction Part, ich lasse das für sich selbst sprechen:
        “Erhaltung des Lebens trotz Verlustes oder Entfernung verschiedener von euch als lebenswichtig angesehener Organe”,
        “Ferner erzeugen wir neue Pflanzen, die von den gewöhnlichen verschieden sind, und können Pflanzen einer Art in andere Verwandeln”,
        “synthetische Verfahren, mittels derer wir eine so vollendete Vereinigung der einzelnen Bestandteile erzielen, daß man fast glaubt, einfache Naturkörper vor sich zu haben.”
        “Zum Fliegen in der Luft haben wir Gestelle und Hilfsmittel ähnlich den Flugorganen der Tiere.”
        Einen einzigen Facepalm-Moment gabs auch, aber Themodynamik war damals auch noch bekannt: “Auch das Perpetuum mobile haben wir in mehreren(!) Ausführungen.”
        Ich behaupte, damals war es noch äonisch gesehen noch eher so, dass Sprache die spätere(!) Wirklichkeit schuf als heute, in der dies eher durch Technik geschieht. Meines Erachtens ein Anzeichen von Kontroll- und Machtverlust seitens der Philosophie, oder anders gesagt, gleichweise ein Versagen.
    • 48. “Wege in den Traumberuf Journalismus. Deutschlands Top-Journalisten verraten ihre Erfolgsgeheimnisse. Mit praktischem Studienführer” (28. September 2012) – Jan Philipp Burgard (Herausgeber), Moritz-Marco Schröder

      • Dieses Buch besteht aus einem spannenden und sinnvollen Interviewteil, die ersten 188 Seiten und weiteren ca. 100 Seiten betitelt mit “Dein Start in den Traumberuf Journalismus”, welcher dann Schaubilder, Bewerbungstipps, einen Praktikumsknigge, ein Ausbildungsverzeichnis und ein Glossar beinhaltet. Letzterer Teil ist ziemlich offensichtlich und wirklich gar zu banal, was Beispiele wie „Fotos von deinem Kopf in einem Sangria-Eimer sollten also nur für Deine echten Freunde zugänglich sein.“ beweisen. Das muss ich nicht kommentieren, das senkt das Niveau des ganzen Buchs – ich fühlte mich dann ziemlich düpiert, als derjenige der das Buch liest, so als ob das eigentlich nur hartgesottene Ignorant*innen lesen würden; wenn das die target group des Buches ist, dann macht es möglicherweise falsche Hoffnungen auf den Beruf, obwohl die Interviewten den Beruf wohl sehr klar skizzieren. Ab Seite 249 tauchen auch gewerbliche Anzeigen auf für unter anderem diverse Medienakademien, das muss nicht sein, aber nun gut. Aber Moment! Wenden wir uns also lieber dem ersten Teil zu. Elf wirkliche Top-Journalist*innen erzählen über ihre Laufbahn, ihre Anfänge und worauf sie wert legen. Vorweg: Das ist gelungen, sie plaudern aus dem Nähkästchen und erfüllen ganz meine Erwartungen. Tom Buhrow, Gerhard Delling, Frederik Pleitgen, Anne Will, Peter Kloeppel, Kai Diekmann, Michael Ebert, Hans-Ulrich Jörges, Christiane Arp, Frank Schirrmacher und Mathias Müller von Blumencron sind weise ausgesuchte Namen, sie stehen für Medienvielfalt, große Erfahrung und Exzellenz. Sie stehen für enormen, jungen Erfolg, wie Diekmann und Schirrmacher, für persönlichen Mut, wie der Kriegsjournalist Pleitgen, für große Ausdauer und Dabeibleiben, wie Will, Kloeppel und Buhrow, für den Mut zum Zeitgeist und die radikale Beschäftigung mit dem Jetzt und dem Menschen, wie Ebert (NEON), Arp (Vogue) und von Blumencron, der SPON mitaufbaute. Wirklich beeindruckend ist auch der hohe journalistische Ethos bei allen. Journalist*in ist kein guter Beruf zum Tagträumen, allesamt betonen die Pragmatik und das Handwerk, es sind “Macher*innen”, die diesen Spirit hochhalten, das finde ich imponierend – da kann ich noch viel lernen. Eine weitere Gemeinsamkeit aller ist auch die hohe demokratische Verpflichtung die jeder und jede für sich erkennbar spürt, im Journalismus werden demokratische Werte gelebt und das funktioniert für kapitalische Umstände sogar relativ gesehen ganz gut. Selbstverständlich sind diese Werte durchaus unterschiedlicher politischer Natur sind, aber demokratisch! Durch das insgesamt gute Buch, insbesondere durch den ersten Teil nehme mit: Arbeiten, Arbeiten, Arbeiten. Konkret sein, Ausdauer mitbringen, Schreiben durch Schreiben lernen, Vernetzung und Auf-Menschen-Zugehen (wieder eine klare Schwäche meinerseits, Diekmann wollte die Woche 10 bis 15 Visitenkarten einsammeln, sehr vorbildhaft und eindrucksvoll!) Leidenschaft und ein Dafür-Brennen sind ein Muss. Die allzu offensichtlichen angesprochenen Qualitäten erwähne ich jetzt nur pro forma, wie Neugierde oder Hilfsbereitschaft. Ein Buch das Selbstvertrauen auf das eigene Handeln gibt, aber mit Macken, à la wirklich unbedarfte Sätze wie »Selbst Frauen fanden an ihren Analysen Gefallen, weil sie sich auch mal herzlich anzickten.« (über Delling und Netzer) oder »Immerhin wollt ihr nicht professionelle Buschtrommler im Regenwald werden.« aber durchaus kurzweilig und letztlich empfehlenswert. Denn allein die ganzen Personen und ihre Ansichten kennnen zu lernen sind schon ein ausreichender Grund. Ich denke, nicht nur das Wissen was in der Welt geschieht ist ein Beurteilungskriterium innerhalb dieser Branche, sondern auch genauso das Wissen darüber, was in der Medienwelt selbst passiert, dafür ist das Buch auf der Metaebene mehr oder weniger ungewollt auch nützlich. Manche Bücher müssen nicht verrissen werden – auch wenn es durch punktierte Kritik sicherlich möglich wäre – im Gegenteil das Buch muss mit Wohlwollen hinsichtlich der breiten Zielgruppe aufgefasst werden, es liegt am individuellen Menschen selbst, das herauszuziehen was einen individuell weiterbringt. Allein die Idee so ein Buch zu machen ist ein schönes Spiel auf der Metaebene zweier junger Journalisten, Herr Burgard und Herr Schröder, die sich dadurch sogar selbst weiter etablieren konnten. Chapeau dafür!
    • 47. “Charisma und Politik” (2014) von Julia Encke

      • In diesem Buch versucht Encke eine Rehabilitierung des Charismas als wichtiger politischer Bestandteil zur Lebendigkeit der Demokratie und zur Integration der Menschen für selbige. Anhand von wichtigen Persönlichkeiten proklamiert sie positives, demokratisches Charisma. Soziologische Grundlage des Buches ist Webers Charismabegriff, der nicht wertneutral ist wie oft angenommen, sondern positiv ist, wie Encke zeigt. Weber muss aber so auch als Wegbereiter Hitlers gesehen werden, da Webers Wunsch einer plebiszitären Führerdemokratie naiv war. Die verschiedenen Persönlichkeiten deren Charisma oder deren zugeschriebenes Charisma oder deren zeitweises Charisma gehen von Helmut Schmidt, Willy Brand, Richard von Weizsäcker, Joschka Fischer, Gerhard Schröder, Angela Merkel, Theodor zu Guttenberg, Marina Weisband bis Barack Obama. Encke ist an vielen Stellen durchaus kritisch, bspw. zeigt sie gut auf, was für einen Schmarrn der Helmut Schmidt mittlerweile daherredet, wie “Die Kristallnacht kam nicht vor im Gespräch. Es stimmt nicht, dass man das nicht sehen wollte, man hat es einfach nicht mitgekriegt.”, andererseits eignet sich oft der Fels nicht aus dem diese sanfte Streitschrift für das Charisma herausgeschlagen werden sollte, so in den Kapiteln über Theodor zu Guttenberg oder Marina Weisband oder ist recht uninformativ anekdotenhaft, wie das Kapitel über den Obama Besuch 2008 und 2013. Sie sieht einen Mitgrund für das Heraufkommen der Charismatiker*innen der letzten Jahre, wie eben Guttenberg, durch die angeblich uncharismatische Politik Merkels. Da bin ich doppelt nicht einverstanden, erstens weißt sie zwar sehr klug auf das “Weisband-Paradox” hin, dass Weisband nicht autoritär führen wollte und genau deswegen charismatische Autorität bekam, aber übersieht die Strukturähnlichkeit mit Angela Merkel: Merkels Anticharisma ist selbst auch wieder nur Charisma, eben das einer bodenständigen, kümmernden, sachlichen usw. Mutter der Nation. Encke findet auch wenig Positives über diesen Merkelschen Politikstil, sie findet nichts an der Stilisierung der sachlichen Physikerin. Enckes Prämissen sind die, dass sich Menschen für Demokratie begeistern müssen, dass Teilnahmslosikeit schlecht, dass Nicht-Handeln / Zögern / Merkelpolitik schlecht, dass derzeit zu sehr auf Machterhalt geschaut wird und dass Politik erst durch Charisma zu Leidenschaft kommt, das wiederum zu echten Veränderungen führt. Allgemein ein gut lesbares, passables Buch, welches vorraussetzungsarm ist, was wertfrei ist, aber für Mensch zu Mensch natürlich eine unterschiedliche Qualität bekommt. Für mich war es wenig erkenntnisreich, was mich bei der Literaturliste kaum wundert, die nicht sehr breit wirkt.Ich bin da nicht unbedingt einer Meinung mit Encke, sie lastet in dem Buch komplett die mögliche Demokratieverdrossenheit und weitere Folgen einer postulierten uncharismatischen Politik der Politik an. Es ist für mich zwar nachvollziehbar, wenn sie dafür eintritt, dass die Gefahr ein*e populistische*r Rattenfänger*in könnte kommen und die Republik kapern, sehr unwahrscheinlich ist, aber ich würde da mehr in die Richtung “qui vult decipi decipiatur” / “das Volk bekommt was es verdient” gehen. Politik ist für mich das Vorgeben und Verändern der richtigen Parameter der Gesellschaft, wie die Umsetzung verläuft, charismatisch oder nicht, ist mir wurscht. Alles andere ist oft genug nicht einmal Charisma sondern Unterhaltung, die natürlich Leute zieht und bindet, wie es Wehner, der überraschend kaum erwähnt wird, zeigt.
  • Juni 2014:

    • 46. “Ego” (2013) von Frank Schirrmacher

      • Ich habe 8 Seiten Kritik und kann mich nicht entscheiden ob ich das hier reinpacken soll, oder in einen eigenen Blogpost, der wiederum dieser Seite ein wenig das Konzept kaputt macht. Stand: 4.7.
    • 45. “Minimum” (2006) von Frank Schirrmacher

      • Abschlussbewertung: Frank Schirrmacher beschreibt mit Minimum ein existentes Problem, nämlich die weitere Vereinsamung des Menschen, nicht nur in Deutschland aber vor allem. Dies geschieht durch die Veränderung der Familien, sie werden kleiner und weniger. Schirrmacher legt sehr detailliert die überzeugenden Vorteile einer Familie dar, aber zu oft an historischen Beispielen und Extremsituationen, die zumindest aber für die letzten 65 Jahre kaum eine Rolle gespielt haben. Schirrmachers Intuition ist für Gesellschaftsveränderungen leichtester Art zwar sehr ausgeprägt, aber trotz seiner guten Wahrnehmung versagt er dennoch in der Problemanalyse und in der Logik. Zu oft werden Verwantworlichkeiten behauptet, die nicht fundamentale Ursache sind, sondern höchstens gerade das für Schirrmacher zuträgliche Symptome, wie es beispielsweise Schirrmachers Obsession zur Kritik am Fernsehen zeigt. In diesem Buch wird zwar erstaunlicherweise an sechzehn Stellen von Kapital gesprochen, aber niemals von Kapitalismus, was es, in diesem speziellen Fall, zu einem sehr dürftigen Buch macht. Reaktionär und sehr konservativ ist Schirrmacher auch bezüglich seinem Rollenverständnis, welches er evolutionär-psychologisch derart geprägt sieht, dass er für Männer kaum bis keine Emanzipation von diesem uralten Hintergrund zugesteht, dafür aber umso mehr von Frauen fordert, die in Zukunft wirklich und ironiefrei Omnitasken sollen. Männer werden in der Folge logisch gar entlastet, weil sie ja für die Familie axiomatisch wenig taugen. Das ist ganz gefährlicher Pseudointellektualismus, eine Argumentationsweise wie ein Wolf im Schafspelz. Ich wundere mich sehr, ob das 2006 überhaupt wirklich gelesen wurde, wenn dann hätte das an Schirrmachers Image als Autor durchaus kratzen können.

      • Kap.1 “Die Männer”: Die Tragödie der Siedler am Donnerpass wird als Beispiel genommen für eine Situation, in der eine große Familie den größten Vorteil erbrachte.

      • Kap.2 “Nachwuchs”: Anfangs wird das Verhältnis und Wechselspiel Arbeit – Liebe beschrieben, was ich sehr gut finde. Demografie: Mehr Einzelkinder, weniger Familie => hypothetische Gefahr, welche, wie Schirrmacher sagt, eig. nicht da ist (Donnerpass-Bspw. ist ja zurückliegend) Es wird auf weitverbreiete, moderene Verständnisse von Familien wie eng, absurd, komisch eingegangen, was S. als zutreffend sieht, aber S. plädiert auf holistische Betrachtungsweise: Vor- und Nachteile von Familie.
      • Kap. 3 “Schicksalsgemeinschaft”: Die früheste Nachkriegszeit sieht Schirrmacher als Quelle des Selbstbewusstseins für viele Jahre, da “materielles, moralisches und physisches Minimum” überstanden wurde. Für Schirrmacher ist die Familie ein warmer Ort, während er von Minusgraden im NS-/Kriegsdeutschland spricht. Da muss ich heftig eingreifen: Das ist eine üble Verklärung von Familie, denn Familiensysteme werden ausgeklammert als unschuldigen Ort im NS. Und auch ist es absolut inakzeptabel von Minusgraden im NS-Deutschland zu sprechen, denn es suggeriert eine Art äußere Macht, die in Richtung der Hitlerverklärung ging, also so, dass im Prinzip alle gute Deutsche waren, aber dann kam Hitler und alle sind ja irgendwie unschuldig. Nein, das Klima war ein sehr heißes, die Menschen brannten vor Begeisterung für Hitler. Nachfolgend ein Zitat von Ernst Jünger von Heiligabend 45′, das von Schirrmacher nachher unkommentiert gelassen wird, indem sich folgende Passage findet:

        “Es sind die Heimkehrer mit ihrer grauen Aura von allerletztem Leid. Ihnen ist alles zugefügt, was uns von Menschen zugefügt werden, und alles geraubt, was uns von Menschen geraubt werden kann”

        Dieser Satz Jüngers ist einfach nur saublöd. Ich kenne mich nicht aus mit der Person Jüngers, die Zeit nehm ich mir auch nicht, aber ich weiß, dass die Forschung sich streitet ob er ein Wegbereiter des NS war. Ich wundere mich sehr wieso Schirrmacher dieses Zitat auswählte, mit so einem brisanten Inhalt, obwohl es Schirrmacher in seiner Einführung zum Zitat Folgendes schreibt, ihm es also auf etwas ganz anderes ankommt, was mit einem ganz anderen, unwesentlichen Teil des Zitats zutun hatte:”Ein Gefühl für den Verlust an sozialem Kapital, für die Entkoppelung von den Mitmenschen noch in der alltäglichsten Begegnung, vermittelt die Tagebucheintragung Ernst Jüngers von Heiligabend 1945:”Die Heimkehrer sind diejenigen, die nicht verbrannt worden sind, die nicht vergast und auch nicht erschossen wurden. Von “allerletztem Leid” zu reden, und das im Kontext des 2. Weltkriegs, und dabei nicht an die Opfer des NS sondern an Heimkehrer zu denken, ist ungefähr der durchschnittlichen gemeinen Meinung und Stimmung im Deutschland der Nachkriegs- bis 70er-Jahre entsprechend, da ist Jünger ganz in seiner Zeit. Mit dem heutigen Wissen ist auch der Satz “Ihnen ist alles zugefügt, was uns von Menschen zugefügt werden […] kann” faschistisch und das völlig unzweifelhaft, ich würde aber darüber hinaus behaupten, dass der Satz selbst für 45′ nicht sonderlich durchdacht war. Denn hier findet eine Täter-Opfer-Umkehr statt: Die Soldaten der Wehrmacht (oder gleich die SS / SA, das wäre ja noch idiotischer) waren keine Opfer, sondern Täter – eindeutig und jeder Einzelne ist Schuld, es ist moralisches Versagen sich beim Militär zu betätigen, noch dazu in einer menschenfeindlichen Diktatur. In Konsequenz ist der Satz auch relativierend gegenüber dem absoluten Negativpunkt der Menschheitsgeschichte, also dem Nationalsozialismus, der Massenmord und die Shoa hervorbrachte, und der Massenmord, vielleicht nicht das Ausmaß der Shoa, war 45 erkennbar. Ich finde das also sehr deplaziert und undurchdacht von Schirrmacher hier Jünger zu zitieren.
        Dieses Kapitel ist derart misslungen, dass irgendwann der Zeitpunkt der Unkommentierbarkeit eintritt. Es strotzt vor Beschränktheit à la Perspektividiotie: “Wir Deutschen”, oder “jeder half, so gut er konnte, und am Ende stand, zumindest was Westdeutschland anging, ein blitzender, neuer Staat bereit.”

      • Kap.4 “Rollenspiele – Wer rettet wen?”: Anhand einer anderen Katastrophe, einem Brand in einem Vergnügungspark auf der Isle of Man, skizziert Schirrmacher, dass Familien keineswegs in chaotische Panik verfielen, sondern stets zusammenblieben und im Endeffekt mit einer höheren Quote überlebt haben, als Freundesgruppen oder Einzelpersonen. Schirrmacher untersucht dann wieso Altruismus in der Familie als Selbstverständlichkeit angesehen wird, anhand der Carnegie Hero Fund Commission, die Held*innen auszeichnet, aber Taten unter Verwandte nur äußerst selten. Darin sieht Schirrmacher dann auch die Gesellschaftsproblematik, da es ja immer kleinere und weniger Familien gibt. Seine Forderung ist in diesem Satz konzentriert:

        “Jede Gesellschaft braucht einen bestimmten Anteil dieses verwandtschaftlichen Altruismus – Menschen, von denen man weiß, dass sie im Zweifelsfall bereit sind, bis zum Äußersten mit ihrer Hilfe zu gehen.”

        Das ist jetzt der Moment indem sich entscheidet ob das ein gutes Buch ist, oder Schrott. Schrott, wenn es sich als reaktionäre Forderung nach Familie herausstellt, gut, wenn das Gute der Familien auf alle Banden übertragen werden. Wirklich anregend ist, dass Schirrmacher auch schreibt, dass es

        “langsamere, unaufgeregtere Formen, in denen die Macht des Altruismus über lange Zeiträume in einer Gesellschaft wirksam wird”

        gibt. Ich kann darauf lernen, wie Schirrmacher es versteht die Aufmerksamkeit erst durch das Große zu erlangen, dann aber übergeht in das stetige, alltägliche aber doch genauso wichtige. Leider geht Schirrmacher dann wirklich dazu über Familie zu verteidigen, sieht diese lapidar undifferenziert von der Gesellschaft als “unnötig” abgetan, oder als unmodern. Auf eine andere Art spannend ist es zu lernen, dass früher die Angst vor dem Aussterben des Familiengeschlechts weit verbreitet war. Seine Verteidungslinie der Familie ist aber klug, indem er die Angriffe auf die Familie des frühen 20. Jahrhunderts, die Schirrmacher als Regime bezeichnet, beschreibt. Das würde ich Überzeugungsversuch durch (zeitliches) Einengen des Verhandlungsgegenstands und starkem Entgegenkommen in einem für heute irrelevanten Aspekt bezeichnen – was letztlich zwar spannend ist, aber die Aufzählung der Angriffe auf die Familie im frühen 20. Jhd. ist keineswegs ein Argument für die Rehabilitierung der heutigen Familienform. Was mir zu Familien einfällt, ist gerade die Deutlichkeit mit der Familien angegriffen wurden, auch seitens der Wissenschaft (Nur Studien zu Geschwisterzank/Eltern-Kind-Beziehung unter Gesichtspunkt Rivalität/Frustration, nie Kooperation), welche ganz im Interesse eines übergreifenden Kapitalismus läge, in welchem Rückzugsorte wachstumshemmend wirken – genauso, wie sich andere Sozialverbunde nicht halten konnten, bspw. kleine Fürstentümer>Nationen>Staatenverbunde, und sowohl individualisiert, als auch auf immer größere Gruppen erweitert haben. Das ist für mich jetzt ganz spannend, weil ich meine politische Praxis zwischen Individuum und Menschheit sehe mit wenig Interesse und Überzeugung für das dazwischen wie bspw. Nationen. Weitergesponnen machen die Mechanismen des Kapitalismus weder beim Individdum noch bei der Menschheit halt. Multiidentitäten und Transhumanismus sind eine klare Folge. Wenn dem gefolgt wird, so zerfällt der Mensch von beiden Seiten – als Individuum und als Prinzip. Aber das sind nur meine 2Cent.

      • Kap. 5 “Wer beschuldigt wen?”: Es braucht sehr viel Altruismus, weil Kinder vor allem denjenigen nutzen, die keine haben.
      • Kap. 6 “Wer entmutigt wen?”: Schirrmacher konstatiert, wenn nicht gar murrt, dass Frauen mittlerweile nicht mal mehr 2 Kinder bekommen wollen. Er erklärt, dass der Kinderwunsch davon abhängt, wie viele Kinder zu erleben sind, dass sich die deutsche Kinderlosigkeit also ein sich selbst beschleunigendes System ist. Das läuft dann darauf hinaus:

        “Und je weniger Kinder wir haben, desto geringer wird der Anteil altruistischer oder moralischer Ökonomie in unserer Gesellschaft.”

        Schirrmacher lässt den Fernseher immer leicht schuldig anklingen, ich finde das, egal wie stark Schirrmacher jetzt den Fernseher verantwortlich sieht, ziemlich undurchdacht und rückwärtsgewandt, es ist auf jeden Fall, in der Häufigkeit zu erkennen, eine Obsession Schirrmachers den Fernseher zu erwähnen -> verdächtigen. Am Ende noch mögliche Entwicklungen und Anfälligkeiten in Umfelden mit Männerüberschuss.

      • Kap. 7 “Wer spielt Wen?”: Die moderne Medienindustrie ist Hauptschuldige an den Entwicklungen oder der Verherrlichung des ungebundenen Individuums. Bspw. als die “Geburtenrate unter das bestandserhaltende Niveau” sank, entstanden Sitcoms und Familienserien, welche Familie simulierten. „Es können immer weniger Menschen zwischen wirklichen und Fernseh-Freunden unterscheiden.“, steht in einem Buch, in welchem, 2006 erschienen, Facebook noch irrelevant war. Nun gut. Was durchaus stimmt, ist die Zunahme virtueller Freunde. Und einer der einzigen Gegenargumente gegen das völlige Leben in virtuellen Welten wird von Schirrmacher auch nicht ausgelassen: Es fordert einen Tribut in der Wirklichkeit. Aber da ist Schirrmacher wiederum weit entfernt von einer Fundamentalkritik, was seine unausgegorene Beispielsauswahl zeigt: „Fernsehfreunde sind unfruchtbar, und sie kommen nicht, wenn Hilfe gebraucht wird.“ Die vor allem und zunehmend stärker werdende “fiktive” Beschäftigung der Gesellschaft hätte und müsste allgemein noch besser ausgearbeitet werden. Auch der Vorwurf an das Fernsehen, dass „unrealistische und letztlich unerreichbare Lebensformen“ dargestellt werden, wird nicht radikal durchdacht. Die Frage wieso das so ist, stellt Schirrmacher nicht und scheitert damit. Er erklärt nur die Macht, dass das der Realität zuwiderlaufende Weltbild die Kraft hat Verhalten der Realität zu verändern. Ungut liest sich auch Folgende Überforderung Schirrmachers:

        „Wie kann das Fernsehen in so kurzer Zeit so ungeheuer wirkungsvoll sein? Die Antwort liegt auf der Hand: Seine Verbündeten sind die Frauen – die Frauen als Zuschauer und die Frauen als Heldinnen der Fernsehfiktionen. Die Telenovelas, die großen Erzählungen unserer Zeit, handeln von Frauen, werden von Frauen gesehen und verändern das Rollenbild von Frauen“

        Überforderung, weil er nur auf Frauen eingeht, also die Analyse der Männer auslässt, was dann Frauen unverhältnismäßig ins Licht rückt. Und damit endet dieses Kapitel.

      • Kap. 8 “Wer informiert wen?“: Dieses Kapitel, stammte es nicht vom damaligen FAZ-Feuilleton-Chef, läse sich wie das eines komischen Kauzes. Schirrmacher ist hier rein intuitiv unterwegs, aber auf ganz katastrophalem Niveau, sogar derart, dass er jegliche Logik gar nicht erst mit in den Text nimmt sondern aus Unzusammenhängendem wild folgert. Aus ~„Bei 3- bis 5-jährigen entscheiden Mädchen gerechter als Jungs“ folgert er:

        „Vielleicht lässt deshalb die Gesellschaft im Augenblick Frauen darüber entscheiden, wessen politische Argumente gehört werden dürfen; bis vor wenigen Jahren übernahmen ja noch hauptsächlich Männer diese Aufgabe. Frauen leiten die Talkshows, in denen die Nation ihre Selbstverständigung sucht. Sie bestimmen dabei über die Länge der Redebeiträge.“

        Dieser unglaublich fundamentale Satz, dass die Gesellschaft Frauen als Hauptentscheidungsträgerinnen fungieren lässt, wird somit kaum begründet. Das Kapitel wird sogar noch recht gut, als Schirrmacher die Talkshows mit Familien vergleicht und erläutert, was in Talkshows eigentlich strukturell verhandelt wird, nämlich Vor- und Nachteile, meistens ökonomischer Art. Das passt zwar kaum zum Buch, eine typische Themenexplosion Schirrmachers, aber die Beispiele sind einleuchtend: ~„Lohnfortzahlung, Rentenloch, Krankenversicherung und Globalisierung – es geht stets nur darum, wer gibt, wer nimmt, wer opfert, wer teilt und wer betrügt.“ Spannend ist auch, was laut Schirrmacher jede*r Fernsehzuschauer*in daraus lernen kann, nämlich, sich nicht ausbeuten zu lassen, und dass mensch damit rechnen muss, dass jede*r auszubeuten versucht. Auch hier hätte Schirrmacher versuchen können den positiven Kern des Familienprinzips nicht nur herauszuschreiben sondern auch dessen Übertragung in die Moderene und auf andere Strukturen entschiedener zu fordern. Dies wäre beispielsweise die Einhaltung und ständige Überprüfung sozialer Verträge innerhalb der Familie – etwas was zu Gerechtigkeit führt, also etwas, was derzeit im Großen scheitert, wo also größere Strukturen lernen könnten und sollten. Oder der selbstlose Einsatz für das große Ganze – etwas was zu Fortschritt und Zivilisation führt, also etwas, was ebenfalls derzeit eher scheitert, je mehr Menschen beteiligt sind, was folglich zu einem autoritären, unterdrückerischen Sicherheitsstaat führt(e). Oder die Unentgeltlichkeit innerhalb der Familie.

      • Kap. 9 “Wer trägt Wen?“: Weitere Ausführungen zu den Folgen für die Gesellschaft ohne familiäre Werte. Kurze Passage auch über mangelnde Integration, vor allem von Menschen mit muslimischem Hintergrund. Auch dieser Teil und Schirrmacher wiederkehrendes Motiv des Kulturkampfes zwischen West und Ost, Christentum und Islam, zeigt nur leider den Hang zum steten und durchaus manischen Suchen von Logiken sehr gut. Das ist nun wirklich Schirrmachers reine Intuition und ersichtlich scheiternd
      • Kap. 10 „Wer vernetzt wen?“: Frauen identifizieren sich nach Studien mehr mit der Familie. Männer eher als Mitglied eines Clans. Frauen eher als Teil früherer und nachfolgender Generationen, Männer eher als Teil gleichaltriger, horizontaler Strukturen. Erstmalig aber kurz die Forderung nach einer neuen Grenzziehung bezüglich von Familienverhältnissen.
      • Kap. 11 „Die Frauen“: Schirrmacher skizziert evolutionspsychologische Vorteile von Frauen. Money quote:

        „Mittlerweile findet die These, Männer und Frauen seien im Prinzip gleich und nur die sie umgebende Kultur mache sie zu verschiedenen Wesen, kaum noch Anhänger.“

        Schirrmacher lehnt das verteidigend ab. Nach einer langen Passage über Frauen und Männer der Satz, dass das alles vermintes Gebiet sei. Schirrmacher ist aber zweifelsohne ein Freund einfacher Evolutionspsychologie, also beispielsweise, Frauen vernetzten sich deswegen stärker, weil sie früher schwächer waren um auszugleichen. Das halte ich persönlich alles noch für zu vage und einer rein logischen fast mathematischen Betrachtung auf Menschen geschuldet, als einer Folge wirklicher Auseinandersetzung, geschweige denn Wissenschaftlichkeit in diesen Themen. Mir wäre auch nicht klar, wie eine zulässige Beweisführung mit dieser strukturellen Form von Argument, also die Intrapolation sozusagen auf sehr viel frühere Zeiten, zulässig sein sollte, da damit alles begründet werden kann, aber praktisch nichts beweisbar ist. Ich bin auch mit dem Schluss überhaupt nicht einverstanden. Schirrmacher schreibt:

        „Frauen werden händeringend als qualifizierte Arbeitskräfte gesucht werden,sie werden existenziell als Mütter und in den Familien als Großmütter gebraucht werden, und sie werden dank ihrer sozialen Kompetenz eine wirkliche Marktlücke in einer Welt, in der es an Familie mangelt, füllen.“

        Worüber Schirrmacher nicht schreibt: Männer. So ist einer der Essenzen dieses Werks, und das würde ich hart verteidigen, nichts anderes als dass Schirrmacher von Frauen in Zukunft einfach mehr Familienarbeit fordert, als es jetzt schon der Fall ist. Ich glaube sogar auch, dass Frauen diese „Marktlücke“ füllen, aber das kostenlos, weil es eine männerdominierte Gesellschaft ist, und Frauen nach wie vor viel eher zu Hause bleiben und die Familienarbeit machen müssen, auch wenn der Zwang tendenziell indirekter Natur geworden ist. Schirrmacher ist meinem Empfinden hier nicht nur konservativ, sondern eben reaktionär, weil diese Forderung, der Gipfelpunkt des Kapitels, eben doch eine Forderung nach dem Früher ist. Auch Sätze wie „Normalerweise kommen hundertsechs Männer auf hundert Frauen – einfach deshalb, weil Männer gefährlicher leben als Frauen.“, sind schwierig einzuordnen, überzeugende Vermutungslogik, würde ich das nennen, aber keinesfalls sollte so etwas einfach geglaubt werden.

      • Kap. 12 „Töchter“: Spannende Studien: Väter, die einen Sohn bekommen (via Mutter, ofc), arbeiten wesentlich mehr, als bei Töchtern. Jetzt löst sich auf, worauf ich in anderen Kapiteln achtete, wo bleiben die Männer:

        „trotz mancher Verweiblichungstendenzen hat ihr evolutionäres Erbe sie nicht besonders gut für verwandtschaftliche Fürsorglichkeit ausgerüstet. Söhne können also nicht, was Töchter neuerdings können: Schlichtweg alles auf einmal.“

        Schirrmacher entschuldigt also die Männer, weil „evolutionäres Erbe“ ist schuld. Das ist lächerlich und bedarf keines Kommentares. Als ob evolutionäres Erbe erstens ein Argument und zweitens nicht überwindbar wäre, wow… Später dann auch noch der von Schirrmacher unbeantwortete(!) Satz:

        „Denn wer soll es sonst tun, wenn nicht sie[Die Frauen]?“

        Jetzt kommt dann auch der Punkt, den wahrscheinlich eh noch niemensch vor mir gelesen hat, weil folgende Textstelle sich im letzten fünftel des Buches befindet:

        „Da, wie hier deutlich wird, noch immer vor allem kulturelle Prägungen den Lernerfolg bestimmen, könnte es für die Zukunft besser sein, Jungen und Mädchen in naturwissenschaftlichen Fächern getrennt zu unterrichten.“

        Und das ist einfach vollkommen reaktionär, weil es das Individuum völlig außer Betrachtung lässt, das schert Menschen rein nach dem Geschlecht über den Kamm. Und der Pseudointellektuelle ist immer auch ein Wolf im Schafspelz. Schirrmacher verkauft das folglich als progressiv bis feministisch, weil weibliche Einwanderinnen besser in Informatik seien in homogenen Gruppen, weil diese nicht so verinnerlicht haben, dass sie sich ja in einer Männerdomäne aufhielten.

      • Kap. 13 „Großmütter“: Nix sonderlich neues, imho.
      • Kap. 14 „Erbengemeinschaft“: Im letzten Kapitel nichts neues. Schlussappell eher in der Form, dass erkannt werden soll, dass das Innerste der Gesellschaft nicht Staat und Markt, sondern Familie ist. Diese positiven Effekte werden zum teuren Gut, was nach Schirrmacher schade wäre, weil sie beispielsweise Altruismus bedeuten
    • 44. “Unternehmer” (März 2014) von Matthias Nawrat

      • In diesem Roman geht es um eine kleine Familie, die sich am sozialen Rand der Gesellschaft befindet, Schrott sammelt und die neoliberale Unternehmerideologie vollständig internalisiert hat. Das Buch besteht und lebt vor allem von diesem Szenario. Leider ist die Sprache nicht sonderlich kreativ, sondern eher so als ob viele Worte sinnlos umbenannt wurden (“Poetik”) und deswegen unnötig anstrengend. Es wirkt leider so, als ob die Perspektive des 14-jährigen Mädchens mit ihren vielen eigenen Wörtern so gewählt wurde, weil Herr Nawrat zu anderem nicht im Stande war. Die Geschichte und ihre Intention ist nach ein paar Seiten praktisch vollkommen erwartbar und logisch. Eine Spruchsammlung eines Unternehmertums, wie es sich Nawrat naiv vorstellt, gepaart mit seltenen, auch nicht sonderlich klugen Aphorismen, von denen ich das Gefühl hatte, dass Nawrat sie, trotz Banalität, wirklich verfolgen und er sie unbedingt irgendwie irgendwo der Öffentlichkeit zugänglichmachen musste. Das wirkt dann leider eher wie geistiger Exhibitionismus. Ein schlechtes Werk.
    • 43. “Das Methusalem-Komplott” (2004) von Frank Schirrmacher

      • In diesem Buch beschreibt Schirrmacher wie sich eine vergreisende Gesellschaft verändern könnte.
    • 42. “Payback” (2009) von Frank Schirrmacher

      • Mein Post als Art Nachruf zu Frank Schirrmacher. Zum Buch: Wie in jeder guten Literatur geht es um den Menschen als Ganzes, was dieser bewegt, was diesen bewegt, woher und wohin. Schirrmacher zeigt bereits 2009 gut geschrieben die Wechselwirkungen zwischen Computer und Mensch, was allein schon schwierig zu trennen ist, in Zeiten, in denen Computer menschlich betrachtet und Menschen maschinelle Züge haben oder sich selbst als (biologische) Maschinen verstehen, die logisch folglich determiniert und algorhithmisch sind bestehend aus austauschbaren Ersatzteilen. Das Buch ist relevant, weil nichts derzeit so wichtig ist, wie das was der Mensch derzeit mit seinem fundamentalen Selbstverständnis vollzieht, was wiederum alles bedingt. Das was global gerade passiert ist anhand dieser Liste der Best Seller der Science Times meines Erachtens am eindeutigsten zu erkennen, viel deutlicher noch, als dies 2009 ersichtlich war – die Elemente der Liste scheinen zufällig, aber eigentlich sind sie Abbild eines sehr klaren, noch den meisten unbewussten Weltgeists, den Schirrmacher früher erkannte als andere. Als Triebkräfte dieses tiefgreifenden Wandels kombiniert er auf einer der stärksten Seiten des Buches Taylorismus (Zwang zu Multitasking), Darwinismus (Zugang und Schnelligkeit für entscheidende Information) und Marxismus (Kostenlose Informationen, Selbstausbeutung) hin zu einer der Zeit angemessenen Theorie des Informationskapitalismus. Ich muss unbedingt noch “Ego” lesen, weil ich mir vorstellen kann, dass er in diesem Buch seine Gedanken vom Taylorismus nochmals überprüft und sie durch eine übergreifende Beschreibung, Schlagwort Kapitalismus, verbessert. Das ist auch einer der Punkte, die ich ihm zum Vorwurf mache, dass er die Zwänge des Kapitalismus nicht so offen ausspricht, dort wider seiner Fähigkeiten Analysen zurückhält, dafür sehr genau neurologisch und darwinistisch analysiert, aber vielleicht ist das genau meine Schwäche, die ewige Nennung von Kapitalismus und seine Stärke. Die Stärke des Buchs ist auch die Breite Schirrmachers Gedanken. Während andere ihm die Schwächen in den Details vorwerfen, bis zur Lächerlichkeit, dass er Tweets manchmal als “Tweeds” bezeichnet, ist es gerade seine Stärke, die Fähigkeit zum Vergleich, Präinternet-Internet behalten zu haben, etwas was wohlgemerkt nur bei einer ganz außergewöhnlichen Neugierde und Achtsamkeit passiert, was bei den meisten seiner Generation nicht vorhanden ist oder verloren gegangen ist, und genau daher stammt auch seine Fähigkeit zum überlegten Zukunftsdenken, indem er derzeitige Prozesse präzise weiterdenkt im Rahmen der eigenen Parameter (Darwin, Taylor, Marx + Gehirnforschung) und die wichtigen und wichtigsten Gedanken aus vielen Jahren des Denkens mit und über Computer zusammenfasst, wie beispielsweise der Gedanke “Die Verwandlung des Menschen in Mathematik” zeigt, was nicht neu, aber heutzutage wahr wie nie ist. Im Buch findet sich das Zitat: “Die einzigen Revolutionäre auf unserem Planeten sind offenbar kleine Kinder.” – was natürlich eine charmante Lüge ist, denn große Denker*innen sind selbst revolutionär, er am allermeisten bezüglich seines Wirkens durch Bücher, Debatte und in den vielen Rollen seines Lebens, so auch bei der FAZ. Wohlgemerkt die exzeptionell großartigen Denker*innen sind immer Konservative. Ich merke deutlich an: Fast alle Konservative sind überhaupt keine Denker*innen. Wie auch immer – er war ein großer Denker. Das Buch hat nach 5 Jahren nichts an Richtigkeit verloren, nur die Konturen für die Menschen die noch der Höhle sitzen, zeichnen sich immer deutlicher ab. Manches, was in dem Buch steht wirkt subjektiv alt oder auch ab und zu als nicht tief genug beschrieben, aber das liegt mit an Büchern, die sehr neu sind, wie “The Power of Habit”, indem dieselben wissenschaftlichen Experimente bspw. zur Ich-Erschöpfung beschrieben sind, wie schon 4 Jahre zuvor. Es ist umso trauriger um Schirrmacher, da seine immerwährende Leistung auch darin bestand, den Deutschen, meinen Empfindungen nach, zurückgebliebenen Diskurs über den Menschen und seine Veränderungen durch das Digitale wieder zur Aktualität zurückzuführen, die diesem Theme gebührt. Ich denke Schirrmacher wäre auch ein guter Aphoristiker gewesen, da seine sehr kreativen Beispiele gut zu seiner Vorliebe zu prägnanten Sätzen gepasst hätten. Mit am meisten hat mir der Vergleich des Nahrungssuchenden der Vorzeit mit dem des Informationssuchenden heute gebracht, da bin ich noch nicht so klar draufgekommen. Zum Abschluss noch ein paar der Zitate, die ich twitterte:
        “Die Manipulation von Vergangenheit entspricht dem immer größer werdenden Zwang zu absoluter Gleichzeitigkeit.””Die Illusion, eine »Information« zu bekommen, lähmt die Kreativität und Diskussionsbereitschaft”Wir werden immer mehr Schriftsteller unserer digitalen Existenz bekommen und viele von ihnen gar nicht als solche erkennen.””Für »all you can eat« muss der Körper blechen. Für »all you can read« der Geist””Wir lieben die Eindeutigkeit, denn je stärker sie ist, desto stärker unser Gefühl der Kontrolle””Auch die Bibel war einst eine große Suchmaschine, die eine Antwort auf alles wusste.””Wir sind uns unserer inneren Freiheit zu sicher, weil wir immer noch glauben, die große Überwältigung käme von außen und nicht von innen.””Es ist wichtiger Hypothesen, Faustregeln (Heuristiken) und Denkweisen zu lehren&lernen als statistisch abfragbare Fakten.””Ich habe das sichere Gefühl, dass die großen Tragödien und Katastrophen erst noch kommen werden, gerade für mich und meine Generation”Zumindest Letzteres traf für ihn zu, und auch wieder nicht in der befürchteten Art. “Herz” ist erstaunlicherweise ein Begriff, der in allen Büchern Schirrmachers vorkommt. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass er gewusst hat, was mit ihm geschieht.
    • 41. “Die Kanzler und die Medien: Acht Porträts von Adenauer bis Merkel” (2007) von Lars Rosumek

      • Adenauer: Sehr innovativ, beteiligte auch kritische Journalisten an Teegespräche, Auslandsreisen. Medien und “Propaganda” waren Chefsache, gründete viele Institute (halbillegal mit Bundesmitteln), nutzte neue Medien wie Fernseher, gründete das BPA. Mobile Kraftwägen mit Filmprojektoren für Dörfer. Nach jedem Auftritt: Deutschlandlied. Unfähige Partei? => Outsider-Strategie.
      • Erhard: Kaum Studien. nur Clique von Wirtschaftsjournalisten, Medien schrieben bald gegen ihn. Public Pretige als rauchender Wirtschaftswundler überwiegte noch kurze zeit sein Professional Prestige, weil die Bevölkerung wenig Ahnung von Politik hatte.
      • Kiesinger: Unfähig, auch nie genauer untersucht worden. Bloße Wahllokomotiver für die Nach-Adenauer-CDU. Sowieso schwacher Kanzler, weil erster Moderator der GroKo.
      • Brandt: Kaputte SPD, die ziemlich nach den 1928er Strukturen wiederaufgebaut wurde => Innovationsbremse. Gegenteil: CDU, die eigentlich auch kaputt war, aber eine Bundespartei => Innovationsdrang. SPD: Alte Agenda, alte Leute. Parteipresse. Verpasst Trends wie Kino. 1958 übergang zur Volkspartei von einer Klassenpartei. 1958 Einführung eines Pressesprechers! Folglich brauchte es einen Populismus als Verkörperung der Transformation: Brandt, berühmter Medienhelt mit JFK-Copycat-Strategie. 60er waren “Langer Marsch” zur “Neuen Mitte”. Wie auch bei anderen Parteien: Demoskopie. Lustig: Brandt weiß um verstaubtes Parteirot und setzt auf Blau und Orange(!), Orange wird erst von Ole von Beust 2004 wiederbenutzt und wurde ebenfalls für modern gehalten, dann – wie bekannt – von Piraten. Farbenspiele als Programmatik und so… Wahlkampf mit Prominenten: Koeppen, Bloch, Kaschnitz, Hildebrandt – ich konstatiere: Inhalte teilweise überwunden, aber nicht so schlimm wie CDU/(und SPD) Schlagersängerwahlkampf heutiger Zeiten. Brandt = Hollywoodkanzler, “Smiling Willy”. Brandts PRler reisten in die USA und schauten sich JFK Wahlkämpfe an. Wichtiger und genialer Punkt: Brandt PRler Klaus Schütz erfindet “Kanzlerkandidat”. Erfindung des Wahlgangs Kanzlerkandidat der SPD. Mulmiges Zitat: “In den letzten vier Wochen vor der
        Wahl nahmen fast vier Fünftel der politischen Beiträge persönlich Bezug auf Adenauer und Brandt” Ebenfalls mit dabei: Nationalistischer Wahlkampf: »Deutsche, wir können stolz sein auf unser Land. Wählt Willy Brandt.« sowie: “Viele SPD-Plakate waren mit einem schwarz-rot-goldenen Schmuckrand versehen.”. Millionenfache Anstecknadel, sowie Autoaufkleber: “Ich bin für Willy Brandt” – Zeit titelt: “Bekenntnisfieber” Dick Morris’ Triangulation Variante der Outsider Strategie: Deine Partei hat zwei Lager? => “unideologischer dritter Weg.” aka. “Meta imaging”. Bis 1957 machte die SPD ihre Plakate selbst, danach einerseits kommerzialisiert, andererseits durch, zum Klischee passend, Schriftsteller*innen und Intellektuelle. Kluge Inszenierungen: Johnson Besuch in Berlin beim Bau der Mauer, Diplomatie mit DDR, Kniefall am 6.12.1970. Abschließend: Gute Lobbyarbeit für den Nobelpreis. Well played.
    • 40. “Deutschland. Ein Wintermärchen” (1844) von Heinrich Heine

      • Uiuiui, ein ganz großes Werk! Die Sprache hat einen besseren Flow als ein Großteil des heutigen Rap, gerade durch die Reiseform, welche eine Schnelligkeit und Getriebenheit in das Stück bringt. Würde dies Epos einem Kinde vorgelegt werden, so würde es als Rap veroffenbart werden können. Inhaltlich ist es eine große Satire, gut durchdacht und bedeutend in den angesprochenen Themen, wie (Macht-)Verhältnisse in der Gesellschaft, Stände, Einzelne, Religion, Sitten. Dadurch, dass sich heute nur Parameter verändert, nicht aber die Prinzipien, ist dem Stück nichts an Aktualität verlorengegangen. Im Gegenteil, viele seiner Ideale, welche heute genauso richtig wären, sind in ebengleicher schlechter Wirklichkeit wie damals. Spannend ist auch Heines Patriotismus, den ich für sehr durchdacht und akzeptabel halte, in erster Linie ist dieser eine Abgrenzung zum Patriotismus, welcher heute als Nationalismus gilt. Heute sind die Begriffe Nationalismus und Patriotismus kaum unterscheidbar, aber Heine geht da durchaus einen gangbaren Pfad durch einen Patriotismus:
        “Ich werde eure Farben achten und ehren, wenn sie es verdienen, wenn sie nicht mehr eine müßige oder knechtische Spielerei sind. Pflanzt die schwarzrotgoldne Fahne auf die Höhe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschtums, und ich will mein bestes Herzblut für sie hingeben.”Ich kann hier in Heine diese wunderlichen Ansatz von unpatriotischen Patriotismus erkennen. Ihm geht es ja in diesem Satz nicht um den Patriotismus als Ziel, sondern fast schon als Übel, welches ihm von außen aufgezwungen wird:”Ich höre schon ihre Bierstimmen:»Du lästerst sogar unsere Farben, Verächter des Vaterlands, Freund der Franzosen, denen du den freien Rhein abtreten willst!« Beruhigt euch. […]”Ich will darauf hinaus, dass wie immerhin mittlerweile in einem derart relativ modernen Staat leben, indem die Bundeskanzlerin Angela Merkel selbst, nicht sonderlich patriotisch ist. Heine kann Lösungsmittel für Menschen mit Pathriotismus haben.
    • 39. “Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?” (26. Mai 1789) von Friedrich Schiller

      • In diesem historischen Werk Schillers halte ich für bemerkenswert, in welchem Ausmaße Schiller seinem Zeitalter und seinen Eigenschaften frönt. Er sieht auf der einen Seite des Äußersten den Höhlenbewohner und auf der anderen den gebildeten, geistreichen Weltmann. Genauso sieht er die Freiheit durch weise Gesetze als wiedergewonnen an. Es ist erstaunlich unkreativ, also ein Angriff von mir in höchster Anmaßung, wenn Schiller den Ist-Zustand lobhudelt, und sich einfach keine Verbesserung vorstellen kann, als den idealen aufgeklärten Menschen, den er bereits als gegeben betrachtet. So liest sich das unmöglich ohne das Gefühl von dramatischer Ironie, bspw. bei Folgendem Satze “Wie viele Kriege mußten geführt, wie viele Bündnisse geknüpft, zerrissen und aufs neue geknüpft werden, um endlich Europa zu dem Friedensgrundsatz zu bringen, welcher allein den Staaten wie den Bürgern vergönnt, ihre Aufmerksamkeit auf sich selbst zu richten und ihre Kräfte zu einem verständigen Zwecke zu versammeln!”, im Wissen um der folgenden Jahrhunderte. Ich kann auch kaum glauben, dass Schiller von politischen Freiheiten spricht, in Anbetracht seiner eigenen Verfolgungsgeschichte. Wie fatal auch der ewige Kulturvergleich schon damals war, wenn die eigene Leistung mit “wilden Völkern” verglichen wird, erstens weil derartige Vergleiche ja kaum möglich sind, und zweitens weil sie unfaßbar fortschrittsfeindlich sind, denn “Geh doch nach drüben” löst genauso keine Probleme wie das heutige “Deutschland ist doch im Vergleich sehr gut”. Genau über diese Dummheit des Vergleichs hat Schiller schon nicht nachgedacht. Ich vermute aber, dass Schiller vor dieser Audienz kaum die gleichen Töne anklingen lassen konnte, wie in anderen Werken. 
    • 38. “Die Jungfrau von Orleans” (1801) von Friedrich Schiller

      • Dazu gibt es nur eins zu sagen, für solche Bücher lebt der Mensch, sie sind ein höchster Genuß und völlig einmalig. Das ist Literatur.
    • 37. “Frühlings Erwachen” (1891) von Frank Wedekind

      • Mehrere Passagen dieses Dramas rüttelten stark an meinem alltäglichen Wohlbefinden, es ist keine Satire, es ist besser – so ist es unaushaltbar den Lehrern nach Moritz’ Selbstmord seitenlang ablenkend über ein Fenster debattieren zu hören. Genauso die Moralpredigten und die absolute Schuldleugnung am Grabe von Moritz – nicht nur von den Älteren, auch von seinen Mitschüler*inen. Alle Eltern, die vertrauenslosen, die nur jeweils ihre Kinder nach ihren Vorstellungen erziehen – ein manchmal furchbares Wort – wollen, sie entmenschlichen dadurch, dass sie ihre Briefe lesen, indem sie die Kinder geistig verkrüppeln, wenn sie sie mit Storchgeschichten anlügen, alle sie sind höllische Dämonen. Es ist zur Abwechlung eine Gesellschaftskritik die ihren Namen verdient, ein Stück das zu Recht heute noch aufgeführt wird und das nicht in Vergessenheit geraten sollte!
    • 36. “Lenz” (1839) von Georg Büchner

      • Die Sprache ist ganz ansehnlich, fließend und lebendig. Ansonsten wirkt es angestrengt von seiner inhaltlichen Stilpredigt und auch der Geschichte. Ich halte Büchner, was sich auch an diesem Werke zeigt, für nicht mehr sonderlich lesenswert für dies heutige Zeitalter.
  • Mai 2014:

    • 35. “The Autobiography of Benjamin Franklin” (1771-1790) von Benjamin Franklin

      • Benjamin Franklin ist wohl ein Mensch gewesen, der auch heute noch zum Vorbild dienen kann. Franklin ist in bemerkenswert vielen Bereichen durch eigene Kraft herausragend gewesen. Zuerst als aufs äußerste strebsamer und demütiger Mensch, der stets versuchte so gut wie möglich zu kalkulieren, was ihm den Aufstieg als Drucker ermöglichte, später als Erfinder und Politiker, im Sinne einer öffentlichen Instanz mit Einfluss. Diese Autobiographie ist ebenso die Mutter aller neuzeitlichen Ratgeberbücher, da sie Verhaltensweisen kritisiert oder befürwortet, die nichts an Aktualität verloren haben. In seinen frühen Jahren kritisiert er beispielhaft seine Druckerkollegen, die sich in der Kneipe blicken lassen, wohlwissend, dass das im vernetzten Damals alle mitbekamen und wohlwissend, dass es alle imponierte, ihn früher aufstehen und später Schluss machen zu sehen als seine Konkurrenz. Er sollte Recht bekommen und seine Konkurrenz pleite machen sehen. Die religiöse Ethik des Deisten Benjamin war auch gerade zu fortschrittlich: “Dem Menschen dienen heißt Gott dienen”, ist letztlich ein Kern seines Glaubens. Dies muss wohl auch als dieser Funke gesehen werden, welchen ihn zeitlebens in erstaunlicher Weise antrieb. Um thematisch bei den Ratgeberbüchern (der Zukunft) zu bleiben, fand ich insbesondere ein Kapitel mit dem höchst bemerkenswerten und aus der Zeit fallenden Titel “Plan for Attaining Moral Perfection” interessant. In diesem stellt er 13 Eigenschaften auf, die er als Liste Woche für Woche abarbeiten will. 12 dieser 13 Eigenschaften, bis auf “Chastity”, welches aber auch nicht weiter beschrieben wird, also auch in seiner Bedeutungsvielfalt undeterminiert bleibt, halte ich heute noch für genauso angebracht wie vor 250 Jahren. Benjamin, der sich im Übrigen seine Bildung durch strikte Lesezeiten und akribische Planung selbst beigebracht hat, eine mir sehr symphatische Eigenschaft, macht sich schon zu einem Zeitpunkt Gedanken über das Leben in der Moderne, also etwas, was selbst heuzutage die allerwenigsten Menschen machen, sowie erstellt Listen – was zumindest in Mode gekommen ist, sodass es bei genauerem Nachdenken mich vor Erstaunen nur sprachlos zurücklässt, über die Zeitlosigkeit kluger Menschen. Im Folgenden seine Liste zur moralischen Perfektion(!):
        1. Temperance
        Eat not to dullness; drink not to elevation.
        2. Silence.
        Speak not but what may benefit others or yourself; avoid trifling conversation.
        3. Order.
        Let all your things have their places; let each part of your business have its time.
        4. Resolution.
        Resolve to perform what you ought; perform without fail what you resolve.
        5. Frugality.
        Make no expense but to do good to others or yourself; i. e., waste nothing.
        6. Industry.
        Lose no time; be always employ’d in something useful; cut off all unnecessary actions.
        7. Sincerity.
        Use no hurtful deceit; think innocently and justly; and, if you speak, speak accordingly.
        8. Justice.
        Wrong none by doing injuries, or omitting the benefits that are your duty.
        9. Moderation.
        Avoid extreams; forbear resenting injuries so much as you think they deserve.
        10. Cleanliness.
        Tolerate no uncleanliness in body, cloaths, or habitation.
        11. Tranquillity.
        Be not disturbed at trifles, or at accidents common or unavoidable.
        12. Chastity. \ 13. Humility.Moralische Perfektion ist nun etwas ganz ungewöhnliches in Zeiten allumgreifender Relatvität was Menschen anbelangt. Sei es umgangssprachlich, dass mensch denjenigen nicht trauen sollen, die perfekt sein wollen. Sei es, dass es heute angeblich kein klares Gut und Böse mehr gibt, sodass ausschließlich richtiges Handeln per se nicht sein kann. Oder einfach die Abschaffung des Absoluten in einer dem Menschen bewussten Ebene durch die Abschaffung von Gott. Ich finde deswegen diesen Gegenpunkt – seinen Moralplan – so spannend, denn der Versuch etwas zu tun ist nun gerade viel spannender als die durch pures Nachdenken erreichte Konklusion, dass es ja warum auch immer nicht möglich sei, fernab und vor jedwedem realen Handeln! Zuletzt sei gesagt, dass ich finde, dass Benjamins Leistungen zum Allgemeinwissen gehören: Die erste public library, die erste freiwillige Feuerwehr, eine Form von Bürgerwehr im Verteidigungsfall, die Gründung eines Philosophieclubs, welchen er erfolgreich pitchte. Seine ganzen Erfindungen, vorweg der Blitzableiter, aber auch seine mich beeindruckende Glasharmonika, seinen beweglichen Katheter, seinen Ofen (denn er bewusst gemeinfrei machte, weil er Patente ablehnte(!)). Und zuletzt seine staatlichen Leistungen: Der einzige Mensch, der die Constitution, die Unabhängigkeitserklärung und den Frieden von Paris allesamt unterzeichnete. Erwähnenswert ist auch sein durchgeplantes und schnelles Postsystem und letztlich vieles weitere, zuletzt natürlich seine literarische und verlegerische Tätigkeit. Auf Wikipedia war ein treffendes Zitat, indem es hieß, dass jede Generation auf ihre Weise Franklin liest und deswegen dass Buch auch spannend bleibt. Das ist wohl wahr. Aus anarchistischer Perspektive ist es Benjamin Franklin der zum Vorbild dienen kann, denn was kann gelernt werden: Erfolgreich für alle ist es, wenn Menschen arbeitssam, bildungsfreudig, offen für diskurs und vor allem initiativ sind. Anarchist*innen neigen in der Regel zu großer Faulheit und zeigen sich selten besonders kreativ im Denken. Mit mehr Franklin könnten Anarchist*innen wegkommen vom ewigen Jammern oder dem völlig absurden Fordern (bspw. Freiräume) vom Staat, hin zum Selbstorganisieren, zur Eigenverantwortlichkeit. Letztlich könnte statt anarchistische Sicht im letzten Satz auch kapitalistische Sicht gestanden haben, es sind die selben Fähigkeiten, die auch heute noch fehlen. Toll ist auch, dass Franklin, zwar spät, auch noch zu einer abolitionistischen Sicht gekommen ist, also immerhin! Und was er bezüglich Frauen schreibt ist m.E. auch deutlich weiter als das was seine Mitzeitlichen denken. Es hat also mir großen Spaß gemacht, mich mit B.F. zu beschäftigen, nun aber auf zu Neuem!
    • 34. “Schachnovelle” (1942) von Stefan Zweig

    • 33. “The Power of Habit: Why We Do What We Do in Life and Business” (2012) von Charles Duhigg

      • Ein richtig gutes, schön lesbares Buch. Das hat mir richtig viel gebracht! Auf direkter Ebene durch das Buch bezüglich des Verstehens von Verhaltensweisen, als auch auf kritischer Ebene: Nachdenken wird nicht mehr als humanistischer Selbstzweck, sondern als kapitalistische Notwendigkeit aufgefasst. Das steht zwar nicht im Buch, wird aber zunehmend deutlich anhand der Menge der Bücher wie eigentlich “richtig” gedacht werden soll.
    • 32. “Utopia” (1516) von Thomas Morus

    • 31. “Leonce und Lena” (1836) von Georg Büchner

      • Büchners schlechtestes Werk. Wird nur heute noch so oft rezipiert, weil Büchner gerade so wenig geschrieben hat. Es ist also möglich, insbesondere für Schule, Büchners Werke zu lesen und zu besprechen. Dass das möglicherweise irgendwo zunehmend die Berechtigung verloren hat, wird übersehen. Woyzeck ist unantastbar großartig, diesem Werk kann ich aber nicht viel abgewinnen. Ich glaube auch nicht, dass das mal ein Comeback haben wird, dafür ist die Geschichte nicht mehr nachvollziehbar. Ich weiß, viele Geschichten der Literatur sind unplausibel – aber diese hier, ist nur noch für Freund*innen des Absurden interessant. Ich halte das auch nicht für einen besonders gewieften Doppelboden, auch wenn es viele so einpassen würden in die Kritik an der Kleinstaaterei und des aufgeklärten Monarchismus.
    • 30. “Top 10 for Men” (2008) von Russel Ash

      • Mir war sehr langweilig und hatte keine Lust auf was sonderlich Anspruchsvolles.
    • 29. “Anrufung des großen Bären” (1956) von Ingeborg Bachmann

      • Ich weiß nicht, ob ich Gedichte hier überhaupt aufzählen sollte? :/
    • 28. “Briefe aus dem Gefängnis” (1922) von Rosa Luxemburg

      • “Ich glaube fest daran, daß sich schließlich alles nach dem Kriege oder zum Schluß des Krieges zum Richtigen wendet, aber wir müssen offenbar erst durch eine Periode der schlimmsten menschlichen Leiden waten.” Ja, das hoffe ich jetzt auch noch.
  • April 2014:

    • 27. “Nibelungenlied” (~1250) – Autor*in unbekannt

    • 26. “Die Münchner Polizei und der Nationalsozialismus” (2013) von Joachim Schröder

      • Nicht so viel Neues für mich dabei gewesen. Das Buch ist im Prinzip ein Begleitband einer Ausstellung und hat ca. 200 Seiten, viele Bilder. Viele individuelle Geschichten, die meisten erwartbar schaurig, schaurig im Sinne von mangelnder Courage. Wenig Lichtblicke. Ich habe es vor allem auch gelesen, weil ich eine starke emotionale Verbundenheit mit München habe und ich deswegen lokal genauer Bescheid wissen wollte was abging. Ein anderer Grund ist natürlich die Frage, wieso die bayerische und Münchner Polizei heute so ist, wie sie ist. Das Buch bestätigte mir in diesem Sinne vieles, was von der bundesdeutschen Ebene und deren Umgang mit der Nazizeit in der Nachkriegszeit auch bekannt ist. Dennoch: München, als Hauptstadt der Bewegung, war auch markant anders, als vllt. Orte vergleichbarer Größe. Bspw. Himmler und Heydrich bekamen in München ihre Sozialisation.
    • 25. “Das Beste von Karl Valentin” (2010) von Elisabeth Veit

      • Unterhaltung, eigentlich. Dennoch war Valentin des Weiteren ein nicht zu unterschätzender Philosoph und mit erstaunlicher Klugheit ausgestattet.
    • 24. “Der Prozess” (1914) von Franz Kafka

      • großartig
    • 23. “Elementarteilchen” (1998) von Michel Houellebecq

      • Pure Genialität
  • März 2014:

    • 22. “Help my: Bilder vom belagerten Leben, Sarajevo 1992-1996″ (1996) von Freidhelm Brebeck und Ursula Meissner

      • Link zum Buch mit guter Kurzbeschreibung
    • 21. “The Atlas of Early Man” (1977) von Jacquetta Hawkes

      • Ich las das Buch, “Bildatlas der frühen Kulturen” auf Deutsch. Die Definition von “Bildatlas” hat sich in den letzten 37 Jahren auch stark geändert. ;)
    • 20. “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” (1978) von Kai Hermann und Horst Rieck

      • Viel gelernt, Vieles bestätigt bekommen. Starkes Buch, wieder eines des Typus Format, das einen nicht aufhören lässt.
    • 19. “Tabu” (2013) von Ferdinand von Schirach

      • Großartiges Buch.
    • 18. “Kabale und Liebe” (1784) von Friedrich Schiller

      • Das Buch saugt einen zunehmend rein. Schillers Stil ist unverwechselbar und es gibt kaum echte Dramatiker neben ihm.
    • 17. “Mong Dsi – Die Lehrgespraeche des Meisters Meng K’o” von Mengzi/Menzius (370 v. Chr.; † um 290 v. Chr.)

      • Konservativismus heißt wie eh und je die alten Römer und Griechen zu zitieren. Und dann gibt es noch die Möglichkeit über den Tellerrand zu blicken und sich darüber zu freuen, wann wo welche Gedanken gedacht wurden. Oftmals viel besser formuliert oder einzigartiger als im Westen selbst. Eine gewagte These: Ich halte es für möglich, diesen Sätzen eine derartige Bedeutung zuzuschreiben, dass sie Entwurf späterer Kultur wurden. Da ist viel Großartiges dabei, Geniales gar – aber auch natürlich viel Quatsch, von dem ich behaupte dieser ward später dann im chinesischen Sozialismus auffindbar.
  • Februar 2014:

    • 16. “Du sollst nicht funktionieren” (2014) von Ariadne von Schirach

    • 15. “Magdalena” (1912) von Ludwig Thoma in dieser Ausgabe

    • 14. “Gespräch eines Lebensmüden mit seiner Seele” (ca. 1900 BC) – Autor*in unbekannt,

    • 13. “Rede über die Würde des Menschen” (1496) von Giovanni Pico della Mirandola

      • Dieses Buch/Text liest sich in höchsten Freuden. Diese Sprache ist ein vollkommener Genuss und der Text blüht mit genialen Gedanken, derer ich gut zehn weitere der Liste anführen könnte.
      • “Im Menschen sind bei seiner Geburt von Gottvater vielerlei Samen und Keime für jede Lebensform angelegt; welche ein jeder hegt und pflegt, die werden heranwachsen und ihre Früchte in ihm tragen. Sind es pflanzliche, wird er zur Pflanze, sind es sinnliche, zum Tier werden. Sind es Keime der Vernunft, wird er sich zu einem himmlischen Lebewesen entwickeln; sind es geistige, wird er ein Engel sein und Gottes Sohn. Wenn er sich nun, mit keinem Los der Geschöpfe zufrieden, ins Zentrum seiner Einheit zurückgezogen hat, wird er, ein Geist mit Gott geworden, in der einsamen Dunkelheit des über allem, stehenden Vaters alles überragen.”
      • Ein heiliger Ehrgeiz dringe in unsere Seele, daß wir, nicht zufrieden mit dem Mittelmäßigen, nach dem Höchsten verlangen und uns mit ganzer Kraft bemühen, es zu erreichen – denn wir können es,wenn wir wollen. Laßt uns das Irdische verschmähen, das Himmlische verachten, und indem wir alles zur Welt Gehörige schließlich hinter uns lassen, dem außerweltlichen Hof zueilen, der der erhabenen Gottheit am nächsten ist.”
  • Januar 2014:

    • 12. “Seltsame Karten” (Originalausgabe 2009, Deutsch: 2012) von Frank Jacobs (Twitter, Blog bei Bigthink)

    • 11. “Schöner leben ohne Spitzel – Ein Ratgeber” (September 2011) von der Antifaschistischen Linken Berlin (ALB)

    • 10. “Die Räuber” (1781) von Friedrich Schiller

    • 9. “Die Schneekönigin” (1845) von Hans Christian Andersen

      • Musste ich mal nachholen. Als Kind kannte ich es nicht und derzeit läuft es im Residenztheater.
    • 8. “Schuld” (2010) von Ferdinand von Schirach

      • Noch bessere, düstere und krassere Fortsetzung.
    • 7. “Verbrechen” (2009) von Ferdinand von Schirach

      • Das Buch ist einfach großartig. Bessere Unterhaltung kann ich mir kaum vorstellen.
    • 6. “Der Reigen” (verfasst 1896/97, Druck 1903) von Arthur Schnitzler

    • 5. “Der Geldkomplex” (1916) von Franziska Gräfin zu Reventlow

    • 4. “Die Verwandlung” (1912/1915) von Franz Kafka

    • 3. “Jeanette Rankin” (2002) von Norma Smith

    • 2. “Stiller” (1954) von Max Frisch

      • “Wir leben in einem Zeitalter der Reproduktion. Das allermeiste in unserem persönlichen Weltbild haben wir nie mit eigenen Augen erfahren, genauer: wohl mit eigenen Augen, doch nicht an Ort und Stelle; wir sind Fernseher, Fernhörer, Fernwisser. Man braucht dieses Städtchen nie verlassen zu haben, um die Hitlerstimme noch heute im Ohr zu haben, um den Schah von Persien aus drei Meter Entfernung zu kennen und zu wissen, wie der Monsun über den Himalaja heult oder wie es tausend Meter unter dem Meeresspiegel aussieht. Kann heutzutage jeder wissen. Bin ich deswegen je unter dem Meeresspiegel gewesen; bin ich auch nur beinahe (wie die Schweizer) auf dem Mount Everest gewesen? Und mit dem menschlichen Innenleben ist es genau so. Kann heutzutage jeder wissen. Daß ich meine Mordinstinkte nicht durch C. G. Jung kenne, die Eifersucht nicht durch Marcel Proust, Spanien nicht durch Hemingway, Paris nicht durch Ernst Jünger, die Schweiz nicht durch Mark Twain, Mexiko nicht durch Graham Greene, meine Todesangst nicht durch Bernanos und mein Nie-Ankommen nicht durch Kafka und allerlei Sonstiges nicht durch Thomas Mann, zum Teufel, wie soll ich es meinem Verteidiger beweisen? Es ist ja wahr, man braucht diese Herrschaften nie gelesen zu haben, man hat sie in sich schon durch seine Bekannten, die ihrerseits auch bereits in lauter Plagiaten erleben. Was für ein Zeitalter! Es heißt überhaupt nichts mehr, Schwertfische gesehen zu haben, eine Mulattin geliebt zu haben, all dies kann auch in einer Kulturfilm-Matinée geschehen sein, und Gedanken zu haben, ach Gott, es ist in diesem Zeitalter schon eine Rarität, einen Kopf zu treffen, der auf ein bestimmtes Plagiatprofil gebracht werden kann, es zeugt von Persönlichkeit, wenn einer die Welt etwa mit Heidegger sieht und nur mit Heidegger, wir andern schwimmen in einem Cocktail, der ungefähr alles enthält, in nobelster Art von Eliot gemixt, und überall wissen wir ein und wieder aus, und nicht einmal unsere Erzählungen von der sichtbaren Welt, wie gesagt, heißen etwas; es gibt für uns heutzutage (ausgenommen Rußland) keine terra incognita mehr. Wozu also die Erzählerei! Es heißt nicht, daß einer dabeigewesen ist.”
    • 1. “Fragebogen” (1972) von Max Frisch, Suhrkamp, entnommen aus “Tagebuch 1966–1971″

      • Hatte ein Freund rumliegen und ich las es daraufhin gleich an Ort und Stelle. Es fällt mir schwer darüber zu urteilen, wieso Frisch sowas schreibt, gefühlt ist es wirklich eigentlich kein Buch, soll es natürlich auch nicht sein, wird aber als Buch verkauft. Irgendwie schmerzt es mich einerseits auch hier feststellen zu müssen, dass es doch eigentlich unspannende, untiefe, bedeutungsarme Themen sind über die Frisch schreibt – über die Frisch nachdenkt um dann zu schreiben. Es wundert mich stets aufs Neue, wenn Bücher, die von vielen geschätzt werden, in mir einfach genau darüber Erstaunen auslösen. Gibt es echt Menschen, die sich mit Ehe, Geld, Sexualität, Heimat, Vaterland so viele Gedanken machen, dass sie dafür sogar ein Fragebogen(-buch) brauchen? Bin ich arrogant so zu urteilen, oder ist es vielleicht irgendwo ein Fortkommen im eigenen Denken, wenn es mich nur verwundert welche Themen Frisch aufgreift? Es ist vielleicht meine Erwartungshaltung, wenn ich an bestimmte Namen denke. Desillusion halte ich für gut, also schreite ich voran.

2013:

  • Dezember 2013:

  • September 2013:

    • 20. “The Keš temple hymn” (Wikipedia), das ist auch wie Nr. 18 der andere Teil der ältesten Literatur. Beide Texte kommen aus Abū Ṣalābīḫ, aus dem heutigem Irak. Aus diesem Ort kamen ca. 500 Tontafeln und unglaublicher Weise wurde ein großer Teil davon während dem 2. Irak-Krieg (2003) zerstört. Das macht mich fassungslos und sehr wütend, dass so etwas passiert. Der Irak-Krieg ist mit seinen hunderttausenden Toten eine völkerrechtswidrige Schandtat gewesen. Ein Krieg ist niemals wieder gutmachbar, die Menschenleben sind für immer verloren. Doch auch Teile der ältesten Kulturschätze sind verloren, sozusagen auch ein unwiederherstellbarer Teil dessen, was uns als Menschheit überhaupt ausmacht.

    • 19. “The instructions of Šuruppag” (Wikipedia) (Laut der Liste der ältesten Literatur der Englischen Wikipedia, ist das einer der beiden ältesten Texte und wird auf ca. 2600 v. Chr. datiert.) Endlich habe ich auch eine gute Website gefunden wo praktisch alle Sumerischen Texte an einer Stelle sind, eine Seite von der Oxford University. Die haben ein Projekt gestartet namens ETCSL, das steht  für “Electronic Text Corpus of Sumerian Literature”. Natürlich sind die Texte auf Englisch, aber das Thema im Deutschen zu bearbeiten ist absolut unmachbar, weil es kaum Übersetzungen gibt und das was übersetzt ist, ist sehr veraltet, folglich ist die Englische Sprache definitiv eine Voraussetzung für alle, die sicher näher mit Altbabylonischer Literatur beschäftigen wollen. Ich kombiniere mein lebenslanges Englisch lernen sowieso mit allem was ich mache, d.h. wenn ich auf neue Vokabeln treffe, schaue ich die sofort nach und schreibe sie in mein Vokabellernprogramm Anki.

    • 18. “Der altbabylonische Atraḫasis-Epos” (Die überlieferten Tafeln sind von 1200 v. Chr., aber der Originaltext ist von 1800 v. Chr. oder noch älter. (Das älteste Alter ist eben bis ca. 2400 v. Chr. – oder jemand kann mir das genauer datieren, wie alt Tafel 11 von Gilgamesch ist, denn ich las diesen Text auch gerade, weil er unbedingt noch älter sein muss als Teile des Gilgamesch Epos, weil dieser wiederum die Sintflut Geschichte von dort im Groben übernimmt. Ansonsten wird das von vielen Sprachversionen der Wikipedia auf 1800 v. Chr. datiert) aus “Texte aus der Umwelt des Alten Testaments” des Altorientalisten Wolfram von Soden (das gibt es leider nicht im Internet. Ich bezog es über den wissenschaftlichen Dienst Subito bei der Universitätsbibliothek Tübingen. Hier der Link zum Buch)

  • März bis Mai 2013: (Prä-Abitur…)

    • Ich war zu sehr mit Abitur und Grüne Jugend München beschäftigt, habe in der Folge leider kein einziges Buch geschafft. Am 10. Mai war mit Mathematik der Auftakt für mein Abitur und als ich damit fertig war hatte ich auch wieder die Zeit zum Lesen.

Ein Projekt braucht auch einen sinnvollen Startpunkt, diesen setze ich auf Januar 2013.

Doch auch 2012/2011 waren tolle und bereichernde Bücher dabei, die ich nicht vorenthalten möchte. Hier aber in Form einer einfachen Liste, mangels des perfekten Lesedatums: