Die Sprachlosigkeit des jungen antikapitalistischen Bildungsbürgertums 2

Am 23. Juli 2014 fand in München eine Bildungsdemonstration statt. Diese wurde von der SSV, “Die StadtschülerInnenvertretung” organisiert.
Zur eigentlichen Demo komme ich unten, ich möchte aber nicht das zuvor Geschehene auslassen. Die SSV rief mit folgendem Text zum Streik auf:

Streikaufruf

Dieser Aufruf ist inhaltlich spannend, wenn mir in meiner Ansicht gefolgt wird, dass gerade Details viel verraten können. Es wird vorgeblich gegen “nervige Schule” protestiert und gegen “gelangweilte Jugendliche” und für “Spaß am Lernen” demonstriert. Unbeliebt ist der Zeitmangel und der Leistungsdruck. Noch spannender wird es, wenn im Kopf behalten wird, dass meistens eine kleine sehr bestimmte Klientel auf die Straße für Bildung demonstrieren geht. Es ist recht sicher ein relativ gutsituiertes Bildungsbürgertum, natürlich statistisch gesprochen, deren Kinder durchaus gut in der Schule sind, für die das Engagement nebenbei eine Selbstversändlichkeit ist. Auf Facebook wurden zu dieser Veranstaltungen über 6000 Menschen eingeladen – 117 sagten zu. Zur Demo selbst dürften so ca. 60 bis 80 Menschen gekommen sein. Davon ein Großteil Menschen vom SSV selbst, und natürlich deren Freundesfreund*innen und Schulkolleg*innen. Die zweitgrößte Gruppe war wohl die Grüne Jugend mit über 10 Anwesenden. Desweiteren war noch eine kleine Gruppe rauchender libertär-kommunistischer Anarchisten da, die aber kaum wegen der Demoteilnahme da waren, sondern eher hofften ihre Flugblätter loszuwerden. (Hast du eins gelesen, kennst du nahezu alle anarchistischen Schriften, zumindest kannst du dir diese in deinem Kopf selbst zusammenbauen. Da hat sich in den letzten Jahrzehnten wenig außer in der Sprache selbst getan.) Ich behaupte, es geht eigentlich kaum um die Schule oder die Bildung selbst, sondern um etwas ganz anderes. Um Kapitalismus – ohne, dass sich die Teilnehmenden darüber bewusst wären.
Ein Motto, unter dem die Bildungsdemos der letzten Zeit, ich schätze seit mindestens einem Jahr, stehen lautet “Wir sind viele.”, eine Kampagne des SSV.

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Unglückliches Motto. War ja kaum wer da.

Natürlich hat sowas dann auch gleich eine eigene Homepage. Exakt vor 366 Tagen gab es eine nahezu identische Demo (zeigt wunderbar die Effektivität), nur mit mehr Menschen (zeigt wunderbar für wie effektiv Menschen die Demo halten). Und weil das irgendwie ein Trend ist, hatte diese ~70 Leute Demo heute gleich noch einen eigenen Tumblr. Diese Bildungsdemos haben Unmengen an ähnlichen Homepages. Da gäbe es noch, ich rate nicht zum Klicken, finde diese Information aber strukturell erwähnenswert, Bildungsflash, Revolution Bildung, Bildung.Rovolution die SSV-Seite und deren FB Seite

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Symbolbild. Nichts ist so alt wie das Transpi mit dem überklebten Datum.

Nicht falsch verstehen, diese Demo war absolut perfekt organisiert. Beste Soundanlagen, tolle Technik, sogar mehrere bezahlte städtische Mitarbeiter vom KJR (oder BJR?) mit viel Erfahrung.

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Nahe perfekte Technik für eine Demo.

In dieser Demo steckt also absurd viel Aufwand. Das muss so richtig, richtig viele Menschen wochenlang beschäftigt haben, das weiß jede*r, der schon mal Demos organisiert hat. All der behördliche Aufwand, der Truck, die Vortreffen, die Route, die Transpis, die Propaganda etc.
Und dann diese wenigen Menschen. Das muss ziemlich frustrierend sein.

Symbolbild. Riesen Aufwand, wenig Menschen.

Symbolbild. Riesen Aufwand, wenig Menschen.

Ich mache nicht den Vorwurf, dass die Orga daran schuld wäre, dass so wenige Leute da sind – es ist eher die Naivität zu glauben, dass da wer kommt. An dem Punkt behaupte ich, lässt sich was ablesen. Denn das war abzusehen.
Im Endeffekt ist so eine Demo unglaublich delegitimierend für die eigentlichen Ziele.  Die Schüler*innen können froh sein, dass ihnen die Presse sehr gewogen ist.
Dies lässt sich durch die eigene Homepage, auf der ein Pressespiegel vom letzten Jahr zu finden ist, beweisen: “Süddeutsche Zeitung. B5 aktuell. Mittelbayrische Zeitung. Radio München. RadioTOP FM 104.6. news4teacher. Radio Lora.” berichteten.

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Symboldbild. 8 Menschen mit Kameras, Fotoapperaten. Viel Presse obowhl eigentlich nix los ist.

Das wird dieses Jahr ähnlich laufen, es wird sicher recht groß darüber berichtet werden, es wurde viel interviewed, O-Töne gesammelt. Aber eigentlich ist es absurd.  Überzeichnet gesagt: Diese Demo gab es eigentlich gar nicht wirklich. Sie wird erst erzeugt durch die Presse.
In der Sprache der Public Relations würde von “Scheinaktion” gesprochen werden, eine Aktion die eigentlich nur für die Presse und deren Medien organisiert wird. Lustigerweise  war die reale Mühe aber absolut echt.

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Symboldbild. Demo steht irgendwo herum ohne Kontakt zu Beteiligten abseits der Demo.

Die Demo versuchte auch nicht wirklich Kontakt mit Passant*innen herzustellen. Ich muss daraus leider schließen, dass es mit den Zielen nicht so krass ernst sein kann. Der Leidensdruck ist bei den Demoteilnehmenden nicht dagewesen, ihre Ansichten wirklich zu multiplizieren, vielleicht weil sich die meisten über die Sinnlosigkeit der Demo selbst bewusst waren.
Es war eher eine sprachlose “Leidensgruppe” mit guter Laune.  Es war letzten Endes apolitisch.
Das ist auch insbesondere an den Demosprüchen erkenntlich gewesen. Vorherrschend war lustigerweise: “What Solution? Revolution!”
Sowie: “Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Stimme klaut!” und das zeitlose, mir noch am sympathischsten “Hoch mit der Bildung, runter mit der Rüstung!” (Ja, tatsächlich so.)

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Hochqualifizierte Demosprüche und inhaltleere Transpis: “Mein Direx ist ein Arschloch”

“Mein Direx ist ein Arschloch” – hochqualifizierte Bildungsproteste anno 2014. Im Folgenden nun Lieblingsplakate, welche ich allesamt mal wieder für symptomatisch halte für. Sie zeigt für mich eher eine Gruppe junger Menschen, welche die Fähigkeit sich auszudrücken nahezu verloren hat. Dass Bildungskritik notwendig ist, ist für mich völlig ersichtlich anhand dieser stillen Katastrophe. Denn: Das sind die Menschen mit überdurchschnittlich viel Einfluß auf den konservativen Ebenen, wie Staat und Medien, von morgen.

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“Eigenverantwortliches Lernen”

Sowas vom Staat zu fordern. Sehr witzig. Kann mensch schon machen. “Eigenverantwortliches Lernen” ist im Grunde DAS Ziel der Schule.
Es müsste also eigentlich einen Konsens geben, aber dann eben der Widersrpuch: Schule und dieses “Eigenverantwortliche Lernen”, das ist strukturell unsinnig. Eigenverantwortliches Lernen wäre sich selbst Stoff an einem beliebigen Ort zu einer beliebigen Zeit beizubringen. Aber dann sollte ganz bewusst gefragt werden, wieso wird sowas eigentlich gefordert auf einer Schuldemo? Ist das Aufgabe einer Schule?

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Und auch hier, ist das oder kann das Aufgabe der Schule sein?

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Und das ist das dritte Transpi welches auch einfach so gelesen werden könnte: “Weniger Schule”.
Freiräume und Schule kann zwar schon irgendwie sein, ist aber dennoch ein äußerst schwieriges Spannungsfeld.
Die eigentliche Motivation dieser Demo war meines Erachtens sowieso eine ganz andere. Viele Buzzwords fielen, wie Effizienz, Leistungsdruck, “aufs echte Leben vorbereiten” – es ging eigentlich um Kapitalismus. Das was kritisiert wurde, war bis auf Schultoiletten meistens derart vage, und das ist ein Zeichen für mich, dass es eigentlich und unbewusst um was ganz anderes ging. Es war eine antikapitalistische Demo, die Teilnehmenden sehnten sich danach Menschen zu sein und kein Humankapital, aber sie waren nicht in der Lage es so zu äußern. Womit wir wieder beim Bildungssystem wären.

Bildungsdemo München 23.7.2014

Pressesprecher von Ludwig Spänle

Der Pressesprecher von Ludwig Spänle eröffnet seine Rede mit Dankesworten für die Einladung. Es kann gut sein, Kontrahenten einzuladen, in diesem Fall ist es nur ein weiteres starkes Indiz für die Harmlosigkeit der Demo. Seine Redepunkte waren sehr unsinnig, ein Landesschülerrat soll geschaffen werden, oder besser – wie auch immer. Damit ändert sich an der Bildung nix – CSU Gremienlösungen halt. Das war aber klar. Witzig war auch hier wieder die Lagerbildung. Der fiktive Gegner in Form des Pressesprechers, welchem dann andauernd ins Wort gefallen wird. Das wird dann bejubelt. Scheinsiege für die Demonstrierenden – ganz große Leistung. Auch hier ersichtlich: Es ging niemals um das Konkrete, es ist sprachlose Antihaltung.
War das so, dass in den sog. 68ern wenigstens noch Manifeste geschrieben wurden? (Und dann total dämlich auf der Straße herumgestanden wurde)
Jetzt fehlt die Grundlage. Und das ist nicht nur enttäuschend und bezeichnend sondern letztendlich gefährlich, denn es wird immer dann gefährlich, wenn für etwas demonstriert wird, welches nicht klar formuliert werden kann.

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Ich kann nur hoffen, dass die engagierten Orgaleute ihre Mittel zum Ziel überdenken. Andererseits ist die Rolle der Presse sehr belustigend, mit all ihren Kameras die auf physische Events giert.
Oft wurde heute eine Revolution gefordert. Auch wieder etwas was gefordert wird. Aber Hauptsache kein eigenes Engagement. Oder eben Metaengagement im Sinne von ineffiziente, sinnlose Demos organisieren mit Staatsgeldern – übrigens auch sehr belustigend. Damit noch mehr als soziologische Erkenntnis und die mögliche Einsicht der Ernüchterung über die Gruppe, die eigentlich am meisten und besten in dieser Gesellschaft leisten und verändern könnte mitgenommen werden kann, hier eine Definition von Revolution, welche den Teilnehmenden zuträglicher sein dürfte. Revolution ist, wenn ihr euch selbst bildet. Schule im Kapitalismus bedeutet nun eben, das ihr ausgebildet werdet.
Früher gab es den Zwang zum physischen Schuften, heute den zur geistigen Arbeit. Wie sähe die Welt aus, in der Menschen sich überhaupt nicht bilden müssten? Ich möchte mir hier nicht anmaßen über kapitalistische Strukturen zu urteilen – ich kann nicht wissen, wie die Welt ansonsten aussähe. Schule ist etwas, was sich für den Staat lohnt. Der Staat braucht gebildete und ausgebildete Menschen. Wenn derartige banale Logiken verstanden sind, dann wird die Sicht hoffentlich deutlicher, wieso gegen Schule protestiert wird, wieso es aber auch kaum was verändert.
In der Schule ist dann eben manchmal nicht eindeutig, ob es um den Menschen geht, das Individuum, welches in der Schule lernt, oder eben den Zwang zum Wachstum, der Geldvermehrung, der Wirtschaftschaft, der Bedürfnisbefriedigung der Menschen. Und diese Demo ist sinnlos gewesen, weil sie antikapitalistisch zu sein versuchte. Aber eigentlichen Antikapitalismus, das gibt es nicht.
Hier ist der Punkt, wieso verständlich wird, wieso eine Gruppe Anarchisten da waren – sie haben den anderen Demonstrierenden voraus, dass sie genauer wissen wogegen sie sich eigentlich wenden. Aber auch sie scheitern natürlich in einer absoluten Kategorie in ihrem Versuch nicht kapitalistisch zu sein. Ich sehe es also immer mit Freude aber vor allem mit Hoffnung, wenn Menschen antikapitalistisch eingestellt sind, hier sind großte Potentiale. Als Industrie würde ich gezielt solche Einstellungen beobachten, sie haben einmal Denken bewiesen, weil sie auf eine höhere Ebene erfolgreiche abstrahieren konnten, das kann ein wichtiger Skill sein. Ich betrachte es als Reflexionsprozess, welche ein sehr logische Folge nach diesen Bildungsdemos sein kann. Aber als Zustand ist Antikapitalismus äußerst unproduktiv und ineffizient. Es bringt einfach kaum was zu stande. Sprich: Im unguten Falle ist es regressiv. Also lieber innerhalb des Kapitalismus coole Dinge tun – was schwer und konfliktvoll sein kann, aber durchaus für manche möglich ist. Und ein wichtiger Leitsatz: Der Kapitalismus muss nach vorne aufgehoben werden. Daran – am Schritt nach vorne – bemühen sich Anarchist*innen kaum. Deswegen ist bei mir die Freude an den Anarchist*innen gewichen.
Meistens sind solche Gruppen sowieso – wie die Demo auch – wieder mal, typisch Mensch, ein Ort des Austausch sozialer Befindlichkeiten.
Was es aber sehr wohl gibt, und das ist anders zu den früheren Zeitepochen: Wissen ist verfügbar (Was glücklicherweise von einer Rednerin erwähnt wurde).
Aber alles muss eben selbst gemacht werden – auch die Bildung. Und das ist die eigentliche Revolution, wenn der Schalter im individuellen Kopf von Unwissen auf Wissen umschlägt.
Ich empfehle letzteres anstelle dieser Ressourcenverschwendung ausgerechnet der eigentlich klügsten jungen Menschen in einer der reichsten Städte der Welt innerhalb eines der reichsten Länder der Welt – wenn Emanzipation möglich ist, dann durchaus hier und eben nicht in einem Krisenland.
Selbst wenn die Demonstrierenden wirklich was verändern wollten, es wäre durchaus möglich.
Ihr habt nur die falsche Methode gewählt. Indirekte Macht über die Beeinflussung der Bevölkerung durch die Presse funktioniert nicht.
Und dann müsste sich erstmal Klar gemacht werden, was eigentlich gewollt wird.
Und dann geht’s an die spannenden Fundamente dessen, wie die Welt zusammengehalten wird, dafür braucht es aber mehr Bildung.

Falls es Menschen gibt, die sich trotz möglichen Schmerzes, mit meinen Ansichten vertraut machen können, so würde ich mich über Followings auf Twitter: https://twitter.com/sebids oder Freund*innenschaften auf Facebook https://www.facebook.com/sebastian.weiland freuen – auch gerne zur inhaltlichen Diskussion.

2 thoughts on “Die Sprachlosigkeit des jungen antikapitalistischen Bildungsbürgertums

  1. Reply BildungsDemonsrant Jul 24,2014 07:37

    Das ist schon ganz schön dreist, was du dir hier teilweise erlaubst zu schreiben. “Jugendlcihe haben die Fähigkeit sich auszudrücken verloren” etc. Du kennst die Geschichte der Orga nicht, fängst aber an hier hochspekulative Geschichten als belegte Fakten darzustellen…
    Free Gaza!

    • Reply Sebids Jul 24,2014 12:13

      Hallo BildungsDemonsrant!
      Die Orga der Demo war nahezu perfekt. Wie ich bereits schrieb. Der Orga ist kaum ein Vorwurf zu machen – mache ich auch nicht. Ich nutze aber dieses spannende Ereignis für meine Interpretation, durchaus und wohlwahr – auch wenn du das als “Spekulation” betitelst. Dass ich das als “belegter Fakt” darzustellen versuche stimmt nicht, versuch das mal am Text zu belegen. Dann reden wir weiter.
      Free Gaza – from Hamas!

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